Im Mittelpunkt

Maria Gräf erzählt aus der "amerikanischen Zeit" in Bärenbach

 

 

Maria Gräf ist heute 95 Jahre alt und so jung wie eine Frau in diesem Alter nur sein kann, sieht man einmal ab davon, dass sie heute sie 2km Fußweg zu den Amerikanern durch Eis und Schnee in der winterlichen Kälte nicht mehr laufen könnte. Nein – wenn sie heute die 300m Weg zum Friedhof bewältigen will, um das ewige Licht ihres Mannes Alfons am Leuchten zu halten, dann muss sie sich wohl fahren lassen. Die Beine, die tun’s einfach nicht mehr so wie damals, als sie den Amerikanern im Fisher-Club erst zuguckte und dann mitmachte beim Foxtrott, beim Tango und beim Wiener Walzer. Aber Herz und Seele tanzen heute noch, wenn sie davon spricht.

Sie, die junge, ans Arbeiten gewöhnte, auf das Leben neugierige junge Frau war bei Kriegsende 23 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern und den verbliebenen sechs Geschwistern im verschieferten Fachwerkhaus in Bärenbach, sie war nicht verheiratet, nicht einmal verlobt. Welche junge Frau war denn schon verheiratet – damals! In einer Zeit, in der es in den Dörfern nichts gab, schon gar keine gleichaltrigen jungen Männer, mussten die „Fraaleit“ den Betrieb alleine bewerkstelligen. Bis sie ihren späteren Mann, den jüngeren Alfons Gräf aus Todenroth, kennenlernte, sollten noch ein paar Nachkriegsjahre vergehen. Die beiden heirateten, da waren sie nicht mehr ganz jung. Sie haben dennoch fast sechs Jahrzehnte gemeinsame Lebenszeit verbracht. Wer Maria zuhört, spürt, dass jeder Tag in diesem Leben irgendeine Besonderheit für sie bereitgehalten hatte!

Das Tanzen hatte sie schon früh gelernt. Sie war 10 Jahre alt, da brachte Bruder Clemens, selbst 20 Jahre alt, ihr das Tanzen bei. An Hitler oder gar an einen Krieg dachte noch niemand, als er ihr zeigte, wie man die Füße im Takt des Blasorchesters “vor-vor-seit-ran“ setzt, sich dabei dreht, meistens nach rechts, aber links konnte man auch, wenn man es richtig machte. Wie man sich im Arm des Bruders schwingen lassen konnte! Wie man im Walzertakt fliegen und „schottisch“ Anlauf nehmen und abdrehen konnte! Dann kam die Zeit des „Volksempfängers“. Jemand im Dorf hatte so ein Teil, und außer langen Reden kam da auch manchmal Musik heraus. Clemens besorgte gegen Ende der 30er Jahre in Dickenschied so ein Gerät. Kein kleines rauschendes Teil, sondern eins, aus dem die Musik gut klang. Man hörte wenig von dieser Musik, die in Berlin gespielt wurde, aber die Heimatlieder, die hörte man. Wenn Franz Winkler und seine Geschwister sonntags sangen:

„Am Strande von Rio

Da stand ganz allein

Ein blondes Mädel

Im Abendschein“

drehte Clemens auf. „Uffgestan, jetz werd gedanz‘!“ Die Nachbarn kamen herüber gelaufen, wenn die Tiroler den Rhythmus von Alpenrausch und Edelweiss aus Clemens‘ Prunkstück vorgaben. Maria tanzte, was das Zeug hielt, bis sie 18 Jahre alt war.

Dann musste Clemens sein Hemd, die locker hängende Bauernhose und die genagelten Schuhe gegen Uniform und Stiefel tauschen. Es ging an die Front, nach Polen. Der alternde Vater, die Frauen und ein weiterer Bruder, nicht gesund und versorgungsbedürftig, blieben zurück.

Das ganze Dorf war plötzlich von Männern leergefegt. Was dann folgte, an Arbeit, Armut und Kälte, hielt die Mutter nur noch ein Jahr durch. Im März 1941 erlag sie Auszehrung und Schwäche. Bis zu ihren letzten Minuten hatte sie auf die Geräusche gelauscht, wie sie genagelte Schuhe abgeben, wenn sie durch den Eingang in den Flur treten und ihren Weg zur Stube nehmen: War es Clemens? Zwar hatten die Geschwister Clemens ein Telegramm an die Front geschickt, es erreichte ihn auch, und er erhielt auch sofortige Erlaubnis für die Heimatreise. Doch erreichte er Bärenbach erst zwei Tage nachdem die Mutter ihre Augen für immer geschlossen hatte; rechtzeitig genug zu ihrer Beerdigung.

Geredet wurde kaum. Was es zu sagen gab – damit wollte man einander verschonen. Er begleitete seine Mutter auf ihrem letzten Weg und nahm Abschied von ihr, ohne zu wissen, dass dies auch sein eigener, endgültiger Abschied sein würde. Clemens sollte nur wenige Wochen später der erste Gefallene von Bärenbach werden. Vorher aber ließ er seiner kleinen Schwester Maria, die so gerne mit ihm getanzt hatte, über einen Kameraden aus Schwarzen ein ganz besonderes Geschenk aus Polen zukommen: schwarze Pantoletten aus leichtem Leder, verziert mit roten Blümchen.

Noch vier Jahre bis Kriegsende. Was nach 1945 aus dem Volksempfänger kam, taugte nicht mehr zum Tanzen. In Bärenbach lebten viele Frauen, mit ihnen weniger Männer als die paar Rinder und Ochsen, die die Nazis noch nicht fürs Vaterland kassiert hatten; die meisten dieser Männer waren Kranke und Greise.

 

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Leona-Riemann