Ein Stern für Margaretha

Die Truhe des Matthias Josef Meurer am 24.Januar 1911

Löffelscheid, 1781 - 1911

 

 

Geistesabwesend saß Peter am Kopfende der zu einer langen Tafel zusammengestellten Tische in Böffe, der Wirtschaft seiner Schwiegereltern. Schemenhaft nahm er das Geschehen um sich herum wahr: das gedämpfte Gemurmel, das Geschepper der Löffel in den irdenen Schüsseln und Tellern, der dumpfe Schlag der Krüge, wenn sie, einmal hochgehoben, wuchtig zurück auf der Eiche der Tische landeten. Er fühlte sich ein wenig benebelt.

Das ganze Dorf hatte Anteil genommen an seiner Trauer über den Hingang seines Vaters, des alten Matthias Josef Meurer, über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt als „Matthes Jusep“, der Weber. Obwohl er die Weberei schon seit Jahrzehnten aufgegeben hatte und vom Weber wieder zum Ackerer geworden war, war er den Menschen als Weber in Erinnerung geblieben. „Matthes Jusep“ – das war mehr als nur ein Name gewesen! „Das ist aus Matthes Juseps“ – so sagten die Leute, wenn sie von seinen Enkeln sprachen, oder von dem Leinen, dessen Muster unverkennbar seine Handschrift trug. Nirgendwo sonst hatte man damals, zu einer Zeit, die in Peters Erinnerung nur in vagen Bildern lebte, ein Leinen mit Mustern wie denen von Matthes Jusep bekommen können!

„Weber’sch“, so hatten die Dörfler das Haus seit Großvater Johanns Zeiten genannt. Johann, der ewige Junggeselle, war der erste Weber gewesen! Kennengelernt hatte Peter seinen Großvater, von dem man in Löffelscheid ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch mit Achtung sprach, nicht mehr. Es gab nur noch seinen Webstuhl, das Haupt-Möbelstück des Hauses, das früher den Großteil der Stube eingenommen hatte. Als ‚Kind hatte Peter im Winter oft auf der Ofenbank gesessen und Vater Matthes zugeschaut, der Zentimeter um Zentimeter seiner Stoffe webte. Das Geräusch vom Auf und Ab der Kettfäden, wenn der Vater das Pedal betätigte und das Schiffchen von einer Seite zur anderen flitzen ließ, würde Peter nie vergessen.

Vater saß oft sehr lange am Webstuhl und arbeitete, solange das Tageslicht es zuließ. Wie lange das wohl her war! 35 Jahre, oder länger!

Erst viel später begriff Peter, dass der Vater damals mit seinem Handwerk gegen die Zeit gekämpft hatte.

Das Nächste, woran er sich erinnerte, war der plötzliche Tod seiner Mutter. Margaretha, die geschickte Bäurin, der keine Arbeit schwer fiel, war wenige Tage nach ihrem 42. Geburtstag beim Aufschichten vom Heuwagen gerutscht und schwer verletzt liegen geblieben. Der herbeigerufene Knochenflicker hatte sie untersucht, dann hatte er den Kopf geschüttelt. Und auch der aus Blankenrath herbeigeholte Arzt konnte nichts mehr für sie tun.

Vaters anhaltende Trauer überraschte selbst seine engsten Freunde aus dem Kirchenvorstand. Alle, die ihn schätzten, boten ihm Hilfe an. Allzu deutlich liebäugelte manch einer damit, Matthes Jusep die eigene Tochter anzudienen. War er auch kein Weber mehr: Er verfügte über beneidenswerten Besitz an Parzellen, hatte im Kirchenvorstand etwas zu sagen, und er war im besten Mannesalter.

„Du brauchst eine Frau, Matthes Jusep! Jemand muss dir das Haus führen! Denk an deine zwei Jungen!“

Peter schreckte aus seinen Gedanken, als ein unsanfter Knuff in den Arm ihn traf.

„Hab ich das nicht immer zu ihm gesagt, Peter? Du brauchs en Fraamensch, Matthes Jusep! Hab ich immer gesagt! Meine Schwester hätte ihn geheiratet, und das wär‘ gut so gewesen!“

„Ei jo!“, sagte er lässig. „Er hat halt nicht gewollt.“

„Dem war keine gut genug!“, rief der andere.

 

 

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