Der  Eremit vom Räzebore

Er fegte langsam und konzentriert. Er liebte es, diesen Raum zu fegen. Für ihn gab es keine schönere Andacht. Das leise, gleichmäßige Kratzen des Reisigs auf dem Fußboden ließ ihn eins werden mit der Welt, und mit ihr, Maria.

Nur drei Stunden Fußweg trennte den Räzebore von der Wallfahrtskirche „Mariä Himmelfahrt“ in Spabrücken. Die üppig ausgestattete barocke Kirche in dem geschäftigen Wallfahrtszentrum war viel prachtvoller. Altarkreuz und Monstranz glänzten im Gold, auch auf der Jungfrau selbst lag der Glanz ihres Nimbus. Mehrere Brüder des Franziskanerklosters sorgten sich gemeinsam um das Wohlergehen der Wallfahrer, und der Duft im Gotteshaus war der von echtem Weihrauch. Aber viele Pilger zogen so wie er den dürftigen Platz mitten im Wald in seiner Stille, seiner Bescheidenheit und Ruhe dem lauten Trubel in Spabrücken vor. Sie wuschen sich unten an der Quelle, die dem Ort seinen Namen gegeben hatte, dem „Räzebore“. Genau hier war Maria jener Mutter zum ersten Mal erschienen, die um ihr sterbendes Kind gebangt hatte. Und dort hatte sie, Maria, das sprudelnde Wasser in eine Quelle des Heils verwandelt. Konnte es ein besseres Wasser geben, um sich zu reinigen?

Wenn die Pilger dann langsam der Madonna entgegen schlurften, die nackten Füße in den groben Schuhen voll mit getrockneten Erbsen, durchdrangen ihre Schmerzens-Seufzer den Weg, während sie die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten ließen.

Das waren die Momente, für die er lebte. Um nichts in der Welt wollte er tauschen mit einem der Brüder im Kloster zu Spabrücken, und auch zu den Brüdern nach Simmern zog es ihn nicht.

Die meiste Zeit war es still hier oben. Die Dörfler kamen selten zu ihm herauf, eigentlich nur, um ihn mit dem zu versorgen, was sein Garten nicht hergab. Meistens schickten sie ihre Kinder, und die hielten sich scheu am Rande der Eremitage, luden Feldfrüchte, Eier, Käse und das Brot, an Feiertagen manchmal ein Stück Wurst ab, bevor sie mit dem klappernden Handkarren den holprigen Pfad schnell wieder hinunter stolperten. Viele der Kinder schienen Angst vor ihm zu haben. Er wusste, dass man sich seltsame Dinge über ihn erzählte. Manche Menschen fürchteten sein befremdliches Äußeres. Die braune Kutte, der der streng geschnürte enge Gürtel um seine hagere Gestalt, der schwarze Überwurf mit der Kapuze  – nein, er war keiner von ihnen. Er blieb ein Fremder, ein „Peregrinus“, wie ein Bruder aus dem Simmerner Kloster ihn genannt hatte. Die meisten Menschen fühlten sich beunruhigt durch seine Schweigsamkeit, sein abgewandtes Leben. Es störte ihn nicht. Er blieb freundlich, schenkte den Kindern dann und wann ein glitzerndes Kristallsteinchen oder eins seiner Schafe, die er schnitzte. Er liebte die Arbeit mit Holz, und wenn er in seinem zwischen Gebet und Arbeit streng geordneten Arbeitstag die Muße dazu fand, stellte er kleine Schnitzereien her: Kreuze, Statuetten, Krippenfiguren und kunstvolle Schweigerosetten, von denen eine den Eingang seiner Klause zierte. Besonders seine Schweigerosetten waren von den Pilgern begehrt. Aber sie waren auch das Wertvollste, das er besaß. Ihre Herstellung hatte ihn seit jeher lange Abende beschäftigt, schon lange bevor er hierher zum Räzebore gefunden hatte.

Den gestrigen Tag hatte er damit verbracht, die Kirche mit Wacholder zu räuchern, und so durchzog ein herb-würziger Duft den Raum. Die Beeren des Wacholders holte er sich aus den vielen weitläufigen Heiden der Umgebung. Er war es gewohnt, weite Strecken zu laufen. Das Laufen war ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden. Hier, am Räzebore, war dieses endlose Laufen keine Schinderei mehr, so wie damals, auf seinem Weg nach Santiago de Compostela. Hier brachte das Laufen ihm Abwechslung und eine tiefe innere Befriedigung wie fast alles, was er tat.

 

 

 

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Leona-Riemann