Auszug

Am 12. März begann die Reise der freiwilligen Eli­tesoldaten: In kleinen Trupps - um kein Angriffsziel zu bieten - ging es zu Fuß und mit Eseln, die die schwer beladenen Wagen zogen, Richtung Front. So jedenfalls die offizielle Verlautbarung. Von Waldal­gesheim bis in den Westerwald passierte nicht viel. Aber Begebenheiten wie das Erlebnis mit dem ersten, von Hanna Reitsch geflogenen deutschen Überschallflieger, der am 18. März über ihren Köpfen hinweg knallte, beeindruckten Otto zutiefst, und er dachte darüber nach. Einige Senegalesen sorgten für eine erste „kulturübergreifende“ Begegnung: Sie waren Gefangene aus der französischen Armee – ge­fundenes Fressen für die nationalsozialistische Pro­paganda in Sachen „Untermenschen“. Die deut­schen Wachleute zerrten sie kreuz und quer am Strick durch die Straßen Montabaurs: halbnackt, kohlpechrabenschwarz, mit roten Pluderhosen und mit Turban. Das Schauspiel verfehlte seine Wirkung auf die Bevölkerung nicht. Es löste eine Mischung aus Angst und Faszination aus, die Otto lange nicht aus dem Kopf ging. Aber sonst blieb außer den an­strengenden Fußmärschen alles ohne Zwischenfälle.

Am 20. März kam es zu einer Begegnung bei Mon­tabaur, die Otto vom Rest seines Trupps aus dem Wehrertüchtigungslager Waldalgesheim trennte und sein Kriegsschicksal entscheidend veränderte. Der Zufall führte ihn mit einem Freund seiner Familie aus Alterkülz zusammen. Helmut Menk, 35 Jahre alt, durch einen Kopfschuss kriegsversehrt und für die Front nicht mehr zu gebrauchen, stand mit eini­gen Ausbildern zusammen, als Otto den vertrauten Hunsrücker Dialekt hörte und sofort reagierte. Die beiden begrüßten sich beglückt, und als Menk den Jungen fragte, wie es mit ihm weitergehen würde, wusste dieser keine Antwort. Doch der Ausbilder Bruno Müller – der, der Otto schon vor der Freiwilli­genmeldung gewarnt hatte, war zugegen und er­klärte, dass seiner Einschätzung nach eine Ausbil­dung zu „Spezialdiensten“ bevorstünde.

Du  - wirst zu gar nichts ausgebildet!“ sagte Menk „Du bleibst ab sofort bei mir. Ich werde dafür sorgen, dass du gesund nach Hause kommst.“  

Tatsächlich sprach Menk beim Oberbannführer Becker vor und nahm den Hitlerjungen Otto Berg dazu mit. Sein Auftritt muss etwas Spektakuläres gehabt haben. „Wegen seiner Kopfverletzung genoss er Narrenfreiheit“, sagt Otto. Und er erinnert sich, wie er zu Beginn des Gesprächs mit einem Sonder­auftrag von Becker freundlich hinausgeschickt wurde: Er sollte in die Stadt gehen, Lebensmittel­karten eintauschen. „Stolz wie ein Spanier“ sei er ge­wesen, erzählt Otto, dass er für so einen bekannten HJ-Führer einen Auftrag erledigen durfte. Das – so nahm er sich vor – wollte er unbedingt zuhause in Alterkülz weiter erzählen.

Als er die Lebensmittel brachte, war das Gespräch bereits beendet, und Otto blieb an der Seite von Hel­mut Menk. Mit der Begründung, dass er, Menk, mit seiner Kopfverletzung nicht immer fit sei und einen Jungen zur Hilfe beim Kutschieren der Pferde gut brauchen könnte, erlaubte man Otto Berg den Ab­schied vom WE-Lager und ordnete ihn dem „Fuhr­park des Lagers Stahleck“ zu. Seine Bewertung „gut“ anstatt „sehr gut“ im KÜ-Schein mag hierfür ein hilf­reiches Argument gewesen sein. Ein weiteres hilf­reiches Argument war, dass Otto gut mit Pferden umgehen konnte. Das jedenfalls behauptete Menk dem Oberbannführer gegenüber. Doch war das eine glatte Lüge. Otto konnte melken und mit dem Och­sengespann pflügen, hatte Kühe geritten und war heruntergefallen. Er konnte Kartoffeln ausmachen und Heu einholen. Doch mit Pferden hatte er es auf dem väterlichen Hof nie zu tun gehabt.

30 Tage – vom 20. März bis zum 19. April – hatte er Zeit, um gründlich zu erlernen, wie man mit Pfer­den umgeht, denn noch trennten ihn 500 km Fuß­marsch von der amerikanischen Gefangenschaft. Im Zickzack-Kurs ging es durch die sich verändernden Korridore zwischen den Gefechten in Richtung „Front“; Ottos Notizen sprechen hier vor allem vom Dillgebiet. Je weiter sie nach Nordosten voran­kamen, desto unklarer wurde der Frontverlauf. Immer schwieriger ließen sich die Berichte zurück­flutender Soldaten einordnen.

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Leona-Riemann